Wir unterbrechen das Satire-Programm kurz für eine wichtige
Rundfunkdurchsage der Polizei Gießen. Für das in ihrem Schutz- und
Schmutzgebiet erscheinende zeitungsähnliche Blättchen "Gießener
Anzeiger" wird dringend ein Journalist mit journalistischen
Grundkenntnissen gesucht. Derzeit ist der Publikationsausstoß des
Blattes nicht unter Kontrolle. Am frühen Mittwochmorgen entlud sich eine
erste Sensationsmeldung über die Sichtung eines "echten Wolf".
Unter dem verdächtig nach Helgoländer Vorbote klingendem Pseudonym "Imme Rieger" wurden Sätze wie die folgenden
unters Volk gebracht 
: "Das Wildtier, das am frühen Montag Nachmittag auf freiem Feld im Lückebachtal bei Leihgestern im kreis Gießen von einer Spaziergängerin gesehen worden war, flüchtete in einer mehrstündigen Verfolgungsjagd bis nach Watzenborn-Steinberg, wo es in der Nähe einer Tankstelle am Ortsausgang an der Gießener Straße fast von seinen Verfolgern gestellt werden konnte. Doch der Wolf schaffte es trotz schwerster Verletzungen am rechten Hinterlauf, in den Wald zu entkommen."
Fred Steinhauer, Deutschlands führender Gutachter für publizistische Paranoia und Qualitätsmessung journalistischer Verstandsreste, sprach in einer ersten Einschätzung per Ferndiagnose von "einer durchgeknallten Publiziermaschine", die Wilden Westen und Isegrim-Märchen von gefressenen Rotkäppchen hysterisch miteinander verrühre.
"Kein Redakteur würde einen solchen Blödsinn durchgehen lassen", so Steinhauer auf Anfrage unserer Zeitung. "Vielmehr würde er den Verfolgungswahnsinn einschließlich Einsatz der Polizei thematisieren."
Eine Recherche-Spezialeinheit des Helgoländer Vorboten vermutet schon seit geraumer Zeit, dass beim Gießener Anzeiger keine Journalisten (mehr) tätig sind. "Die Lage ist von außen jedenfalls kaum unter Kontrolle zu bringen." Darum müsse man nun einen mutigen Journalisten finden, der sich ins Innere der Publiziermaschine vortraue.
Derweil stößt der Gießener Anzeiger weiter unkontrolliert Meldungen aus. Im Web-Angebot des Blattes
heißt es heute ergänzend 
: "Der Gießener Anzeiger legte gestern Prof. Dr. Adriaan Dorresteijn, Bereichsleiter für Allgemeine Zoologie und Entwicklungsbiologie an der Universität Gießen, das Bild vor, das uns Klaus-Dieter Schmandt zur Verfügung stellte. Er erkannte den Lupus sofort."